Tierakquise in Zeiten der Misanthropie

Als ein Freund mir kurz nach Weihnachten schrieb, dass sich „eine Katze in deiner Wohnung gut machen würde“, wollte er mir damit sicher sagen, dass umgekehrt mir die Gesellschaft eines Haustiers guttäte. Und in der Tat war ich wahrscheinlich menschlich genug auf den Hund gekommen, um mir Zuwendung bei einem Tier zu suchen*. Aber immerhin nicht ganz so sehr, als dass ich mir einen Hund hätte anschaffen wollen. Bei einem Hund wäre es mir schwer gelungen, seine Zuneigung persönlich zu nehmen, so monokausal wie Hunde immer genau denjenigen lieben, der sich ihrer annimmt. Man beobachte bloß mal (Achtung: Misanthropie!), was für liebenswerte Hunde was für Faschisten „unbedenken Gehorsam“ (Gerhard Polt) leisten. Gemäß der Redensart** „wessen Futter ich esse, dessen Feind ich anknurre“ lässt sich ein Wauwau wie ein Pawlow-Hund abrichten, z.B. um einen Underdog wegen des Besitzes weicher Drogen zu verpetzen.
So war bei mir eine Katze die bessere Wahl, denn die Spezies Katze hat sich der Futterabhängigkeit zum Trotz ihren Willen nicht kaputt domestizieren lassen. Die aus der Not, aus der ich sie akquirieren würde, erwachsende Bindung einer jugendlichen Mieze an mich könnte ich besser persönlich nehmen und mir selbst gegenüber als Zuneigung meiner missdeuten.
Ich begann, mich mit dem Thema Katzenhaltung zu beschäftigen – um festzustellen, dass die Inflation von Katzenfotos im Internet mit einem entsprechenden Aufkommen von Stubentigern im real life einhergeht. Auf einmal entpuppte sich das halbe Haus als Katzenbesitzer (in Gegenwart oder Vergangenheit) resp. Katzennarr, der ich erst werden wollte. Und praktisch jeder Bekannte und Freund, mit dem ich sprach und dem oder der ich bis dato bei Animalthemen offen gestanden kaum zugehört hatte, hatte Tipps für mich von E = Ernährung bis Z = Zucht. Das gute an Tipps ist, dass sie sich ab einer gewissen Anzahl widersprechen, wodurch man sich dann in meinem Fall aussuchen kann, wie lange man eine Jungkatze alleine halten sollte. So konnte ich meine vorher gefasste Meinung und Absicht bestätigen, zunächst Vaterfigur für eine Jungkatze zu werden, auf dass diese im Sommer ihrerseits fürsorgliche Adoptivmutter eines noch zu zeugenden Katzenbabys (einer „hübschen Katze“ einer Kollegin; #Projektkatze) werde.

Wegen eigensinniger ästhetischer Erwartungen (dreifarbige Promenadenmischung) an die Katze, für die ich mich als Wohltäter fühlen wollte***, zögerte ich anfangs, auf Annoncen u.a. von Tierheimen zu antworten. Ein einjähriger Kater, der sich der Beschreibung zufolge wie ein Hund benahm („folgt einem überall hin“), war leider doch nicht so „dringend abzugeben“, als dass die Besitzerinnen auf mein Adoptionsansinnen geantwortet hätten. (Wie lange ich dieses Benehmen wohl lustig gefunden hätte?) Auf eine eigene Annonce in einem als alternativ geltenden Forum hin („große Maisonettewohnung mit Zugang zu zwei Balkonen, Dach und Innenhof“) enthielt ich eine anonyme Belehrungsmail einer Tierschutzaktivistin, die mir zur Wohnungshaltung der domestizierten Tiere die Leviten las. Eine virtuelle Bekannte empfahl mir anschließend wiederum eine Bekannte ihrer, die besonders bedauernswerte Straßenkatzen aus Bulgarien vermittelte. Hätte ich den Rat aus meinem Umfeld ignoriert, u.a. aus ökologischer Verantwortung eine Regionalmieze zu nehmen, ich hätte mich doppelt gut fühlen können. Weiterer Vorteil  laut Bekannter II: Dank seiner street-credibility  Straßenvergangenheit käme so ein Vierbeiner sehr intelligent daher. Ganz zu Schweigen vom, die eigenen Kognition ganz ausgeschaltet, Reiz einer transkulturellen Katze mit Paprika in der Blutbahn. Die Sache sollte daran scheitern, dass die armen Tiere nach endloser Lkw-Fahrt nur in Westdeutschland ankommen.

So wendete ich mich doch an die lokalen Tierunterkünfte. Im Tierheim Dresden hatten sie aber nur Freilandkatzen im Angebot, im Katzenhaus Dresden-Luga jedoch wurden mir fünf vermittelbare Innenhaltungstiere zugesagt. Nachdem ich am Freitag gegen 15h (Öffnungszeit bis 16h) in dem modernitätsfernen Randbezirk an dem Puppenstubenhäuschen, das die notierte Adresse trug, geklingelt hatte, öffnete eine wohl aus Überraschung schweigsame Katzenvermittlerin. An dieser Stelle würde es sich nicht gehören, das Hausinnere zu beschreiben, aber in mir regte sich ein Verdacht, von dem noch zu reden sein wird. Von den fünf versprochenen Katzen wusste man nichts, dafür bekam ich in einer Art Zimmerstall vier wildgeborene, noch nicht gezähmte und später mal für die Wohnungshaltung (!) vorgesehene Tiere zu sehen.
Am folgenden Tag besuchte ich das Tierasyl in der fremdenfeindlichen Stadt Freital. Der nicht übergepflegte Mann, der mir das Haus im Wald auf einem Hügel vor der Stadt öffnete, bestätigte den eben erwähnten Verdacht nicht nur, indem er mir die Auskunft erteilte, dass er sich nicht auskenne. Dito seine Kollegin, beider Aussage wurde vom bedürftigen Interieur unterstrichen. Ich erfuhr immerhin, dass die Katzen oben im Haus in Quarantäne gehalten würden, wo man sie sich allerdings nicht ansehen könne.
Schließlich kam eine jüngere, eloquentere Frau zu mir in das kühle Vermittlungszimmer hinunter, in das ich inzwischen gesetzt worden war. In der Hand hielt sie einen Käfig mit einer Katze darin. Das junge Geschöpf kaum kleiner als der Zwinger, in den es angstvoll eingesperrt war. Die Frau stellte den Käfig auf den in Linoliumoptik gehaltenen Tisch zwischen uns. Das dreifarbig gescheckte, halbjährige Tier stand auffrecht auf seinen weißen Pfoten und rührte sich so wenig, wie der Zwinger es zuließ. Das Gespräch mit der Frau verlief simpel. Ich wollte fragen, erzählen, abwägen, wegen der anderen erwähnten Katzen nachhaken … Doch die Situation beantwortete alle Fragen. Es war einfach klar, dass ich dieses Tier adoptieren musste, obwohl es so eingesperrt zu keiner Demonstration seines Charakters („verspielt und verschmust“, Übergabeprotokoll) imstande war. Schon allein, um ihm eine Wiederholung dieser Würdelosigkeit zu ersparen. Während ich das Übergabeprotokoll unterschrieb, liefen Kinder mit ihren Eltern an dem Raum vorbei und feixten fröhlich „jetzt können wir uns alle Katzen und Hunde anschauen!“. Sollte ich mich veralbert fühlen? Nein! Es erleichtert so sehr, wenn die Umstände für einen entscheiden.
* Um bei diesem Eingeständnis nicht zu unsympathisch zu wirken, füge ich hinzu, dass ich in der Schämstadt Dresden lebe. Dieser Umstand taugt umgekehrt hervorragend, um wahre Misanthropie zu vertuschen.
** Erfundene Redensart
*** vergleiche die Redensart „Tue Gutes und sprich darüber!“

 

Laila 2

 

 

Das ist die adoptierte Laila, 5-6 Monate alt. Sie ist eine Trikolor-Premium-Promenadenmischung und weißbesohlt. Ich habe sie sehr lieb.

Autor: MichaelHöfler

www.michaelhoefler.de

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