Hass und Hoffnung

Markus Metz und Georg Seeßlen sind wahrscheinlich die deutschen Autoren mit den besten Erklärungen für den nachhaltigen Irrsinn in Deutschland und der Welt. In ihrem Buch Blödmaschinen von 2011 haben sie dezidiert analysiert, wie sich unsere Gesellschaft in der „Alternativlosigkeit“ des Neoliberalismus entmündigt hat und gar „von sich selbst nichts mehr wissen will“. In ihrem neuen Buch Hass und Hoffnung erklären sie, wie Fremdenhass, der Zerfall Europas, Krieg, Terrorismus und Neoliberalismus zusammengehören. Eine Besprechung in Zitaten.

Wäre Europa, was es einmal zu werden versprach, dann wäre die Aufnahme der Flüchtlinge, ihre menschenwürdige Versorgung, ihre Integration in Arbeit und Kultur kein Problem, sondern eine jener Aufgaben, an denen man wachsen und reifen kann: Es hätte hier eine neue Gesellschaft entstehen können; Europa nicht als verfallende Festung von Begünstigten, die nicht einmal ihre Privilegien genießen können, weil sie sie sich gegenseitig nicht gönnen, sondern als Idee einer neuen […] Gemeinschaft der freien Menschen. Nichts Perfektes, nichts Konfliktfreies, nichts Idyllisches. Nur etwas, das wirklich hat, wovon die leere Rede ist: humanistische Werte.
Dieses […] Europa hat es zugelassen und gefördert, dass einige seiner Mitglieder ein Nation-Building auf der Grundlage von ethnischen, kulturellen und religiösen Identitäten betrieben. Hauptsache, die Regierungen waren nicht links; solange man die Märkte öffnete und Teil des „Verteidigungsbündnisses“ wurde, dann genügten bereits noch so oberflächliche Demokatie-Inszenierungen, um sich als EU-Mitglied zu qualifizieren.
Selbst der dümmste Pegida-Schwätzer muss wissen, dass der Wohlstand, auf den man sich negativ beruft (nämlich aus Hassangst davor, dass jemand etwas davon abhaben wollte) gerade aus der politisch-ökonomischen Entnationalisierung von Produktion und Warenverkehr stammt.
Postdemokratisches Regieren basiert in großem Umfang darauf, den Ausnahmezustand in Permanenz zu erhalten. Daher der „Krieg gegen den Terror“, daher die „Finanzkrise“, die „Griechenland-Krise“ und nun die „Flüchtlingskrise“. Der Ausnahmezustand kann nur dann aufrechterhalten werden, wenn ein Problem nicht gelöst, sondern in serielle Schwingungen versetzt wird.
Die Nation ist vor allem eine Inszenierung der Unterhaltungsindustrie, Sport, Heimatschnulze, nationales Feelgood-Movie und Großevent, aber selbst noch die Faschisten und Halbfaschisten sind vor allem und erst einmal ein Marktsegment.
Je weniger man wirklich Anteil hat an Ökonomie, Nation und Demokratie (bzw. „Regierung“), desto wichtiger wird die Teilnahme an symbolischen Ordnungen. Sie funktionieren nur, wenn es „die anderen“ gibt.
Sie behandeln […] „Nation“ nicht als Diskurs, sondern als Dispositiv [verkürzt gesagt: etwas, das nicht infrage gestellt wird]. Damit sind sie jedem Argument unzugänglich; der Flüchtling aber […] ist eine Bedrohung dieser Konstruktion und gleichzeitig eine Bestätigung: Die Nation existiert, weil man sie gegen Eindringlinge verteidigen muss.
Denn das Dispositiv, in dem man sich bewegt, setzt die nationale Erzählung frei. Ob alles gelogen ist, das ist egal. Hauptsache, es fühlt sich gut an.
Der Symbolraum Demokratie implodiert; er hat keine sinnvolle Beziehung zum Wohlstand und zum Leben in der besseren Welt mehr, und er kann seinen Pakt zum Symbolraum Nation nur noch negativ erfüllen, nämlich als Wirtschaftskrieg gegen andere Nationen (wie das Beispiel Griechenland zeigt) und als ohnmächtiger Diener des Kapitals.
Die deutsche Mainstream-Presse hat […] den inneren Ausnahmezustand ausgerufen. Der Lohn dafür besteht darin, nicht mehr Kritiker, sondern Teil des Souveräns zu sein.
Jede Ausweitung der Kampfzone ist ein Sicherungsgürtel um den feudalen arabischen Kapitalismus.
Der barocke Machtmensch, den der bayrische Sonderweg der konstitutionellen Demokratie und des libertinären Paternalismus in immer neuen Varianten hervorbringen muss, leidet […] darunter, dass seine Machtfülle für das eigene Land eigentlich zu groß, für eine entscheidende Position in der deutschen Zentralmacht aber dann doch wieder nicht ausreicht. Die Folge ist ein Schwanken zwischen Größenwahn und gekränktem Narzissmus.
Das Versprechen an den kommenden Terroristen lautet also:
– Die Gewalt, die in dir ist, soll nicht länger unterdrückt, sondern in den Dienst der guten Sache gestellt werden.
– Die Schuld deiner früheren Untaten wird durch noch größere Untaten in diesem Dienst getilgt.
– Statt Strafe zu fürchten, darfst du Belohnung erhoffen (wenngleich auch möglicherweise erst im Jenseits).
– Deine Sexualität darf sich in Narzissmus, Sadismus und Performance auflösen; auch deine ‚unordentliche‘ und verwirrende Sexualität wird einem fundamentalen Odnungsprinzip unterzogen. Du darfst nicht lieben. aber du darfst vergewaltigen.
– Wenn du das Selbstopfer mit einbeziehst, gibt es für dich kein Scheitern mehr. Alles an dir, jede Geste, jedes Zeichen, jedes Gerät, jede Waffe, jede Fahne, jeder Gesang ist Triumpf im Echo der Angst der anderen.
– Bevor du stirbst, darfst du Macht genießen.
– Was immer du in unserem Dienst tust, macht dich zum Star, dem Anerkennung, Unterwerfung, Hingabe sicher sind. Niemand lacht über einen Terroristen.
– Als Belohnung für deine Unterwerfung erhältst du eine fundamentale moralische ‚Freiheit‘, die eine Zivilgesellschaft dir niemals geben kann.
– Deine Entscheidung gegen das Leben macht dich unsterblich.
– Jetzt kannst du es allen zeigen!
Das Projekt der Aufklärung war dazu gedacht […] diese Zusammenhänge verstehen zu lernen. In Gesellschaften, die aus Hass und Angst den Verstand verlieren, kann man den Unterschied zwischen ‚Verstehen‘ und ‚Verständnis zeigen‘ nicht mehr verstehen.

Autor: MichaelHöfler

www.michaelhoefler.de

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