Grundeinkommen und Gründe

Das Schweizer Volk (immerhin knapp 80% der Abstimmungsteilnehmer) weiß genau: Es wäre mit dem bedingungslosen Grundeinkommen, welches es sich mit einem simplen Ja zum Volksentscheid hätte selbst bescheren können, heillos überfordert gewesen. Jeder hätte monatlich 2500 Franken bekommen, einfach so, weil er oder sie ein Mensch ist. Dabei ist Menschsein doch keine Leistung! Menschsein – dass wir das können, hat doch jeder von uns qua Geburt bewiesen, sonst wäre er gar nicht auf der Welt (anthropisches Prinzip).

Stellen Sie sich vor, liebe Leser, Sie wachen morgens auf und statt gegen die Uhr zu duschen, sich Business-Gewand überzustreifen und noch schnell ein paar Kalorien in den Mund zu stopfen, die es anschließend in Ihr Tagessoll an Bruttosozialprodukt umzuwandeln gälte, dürften Sie einfach liegenbleiben. Sie könnten überlegen, was Sie mit dem lieben Tag anfangen wollen: sich um Andere kümmern; anpacken, wo ihre Hilfe gut täte; Ihr Wissen vergrößern, sich mit Anderen austauschen; sinnieren, um herauszufinden, was eine sinnvolle Aufgabe für Sie wäre. Oder wenn Ihnen gar nichts einfällt, einfach keinen weiteren Schaden anrichten.

Doch Hand aufs Herz, liebe Leser, wer möchte das schon? Wer kann ermessen, was zu tun oder zu lassen sinnvoll oder gar gut wäre? Das entscheiden doch Andere, die die Welt so eingerichtet haben, wie sie ist: Unternehmensbosse, die sich als am besten und stärksten erwiesen haben. Teils sogar noch Politiker, die wir selbst an die Macht gewählt haben! Und was überhaupt ist „gut“? Ein Gutmensch etwa? Sehen Sie! Wäre die Welt tatsächlich nicht so alternativlos, es gäbe es sie nicht nur einmal, es gäbe Parallgesellschaften! (Womit nicht die Alternativlosigkeits-Verweigerer in Kreuzberg und Co. gemeint sind.)

Betrachten wir die Sache wissenschaftlich: Als homo oeconomicus ist es in unseren Genen angelegt, dass wir gut im Reagieren sind. Wir vermögen uns den Umweltbedingungen der Wirtschaftsordnung in unserer Umgebung, dem Leistungsdruck, unseren aus sich selbst gemachten Aufgaben, den cholerischen Ausfällen unseres Chefs, perfekt anzupassen. Wir können uns völlig grundlos motivieren und dabei optimal funktionieren. Und mehr als optimal geht nicht! Mehr als reagieren ist also nicht drin. Die Wissenschaft geht ohnehin ziemlich einmütig davon aus, dass es keinen freien Willen gibt.

Doch denken wir das Grundeinkommen unvoreingenommen weiter: Was wäre dies für ein ambitioniertes Sozialexperiment gewesen, wäre die Schweizer Regierung gezwungen worden, es einzuführen. Zunächst wäre eine riesige Umverteilung von Vermögen notwendig geworden, um auch nur einen Teil des Grundeinkommens zu finanzieren. Resultat: weniger Varianz im Eigentum. Aber wäre das richtig, wo wir Menschen doch wegen unserer Vielfalt sind, was wir sind (Menschen!)? Vielfalt verschwände, würden wir bei den Besitzständen von Geld, Wohnraum, Lebensmittelressourcen u.u.u. eine Ausnahme machen, bloß weil Ideologen dies für „sozial“ halten!

Die zweite Folge wäre sogenanntes „soziales Engagement“, welches angeblich entstünde, verweigerten wir uns unserer Bestimmung zu fremdbestimmter Erwerbsarbeit. Was nett klingt, entpuppt sich bereits als Hirngespinst, führt man sich bloß vor Augen, welche Abneigung wir für die Taugenichtse und Asis auf der Straße, die siechenden Rentner in den Pflegeheimen und oft schon unsere Nachbarn empfinden. Ihnen allen und ihren Problemen dürfen wir täglich in unserem Job und den kostenpflichtigen Freizeitangeboten, die er uns finanziert, entfliehen!

Drittens würden angebliche „bullshit jobs„, also Stellen, die angeblich Schaden auf der Welt anrichten, weniger werden. Denn wir müssten sie nicht mehr verrichten, um unseren Lebensbedarf bezahlen zu können. Doch generieren Jobs von Bankern, Unternehmensberatern und Verwaltungsangestellten viel, viel Arbeit, die es sonst nicht gäbe, und die Millionen von uns ein selbstbestimmtes Leben erspart!

Ganz Naive antworten auf die Gretchenfrage, wie das Grundeinkommen überhaupt zu bezahlen sei, dass die Einführung einer monatlichen Daseinsprämie die ganze Wirtschaftsordnung derartig in Bewegung brächte,  dass wir gezwungen würden, nur mehr das herzustellen, was wir wirklich brauchen; was wiederum ein viel niedrigeres Grundeinkommen ermöglichte*. Doch wird dabei übersehen, dass unser aus sich selbst motivierter Konsum nicht bloß unsere Produktwelt, sondern auch unseren Planeten umkrempelt, sprich: für die Innovation des ganzen Globus sorgt. Insbesondere ermöglicht Konsum eine Selektion von Tieren und Pflanzen gemäß unseren humanen Bedürfnissen, wie sie die Natur niemals von selbst hinbekäme.
So wenig, wie man eine Felsspalte schrittweise überqueren kann, so wenig kann man das Grundeinkommen peu à peu einführen (z.B. indem man im ersten Schritt alle Sozialleistungen zusammengefasste, den Spitzensteuersatz erhöhte, eine Reichensteuer und eine Vermögensabgabe einführte). Würde nämlich anfangs bloß z.B. ein halbes Grundeinkommen gezahlt, wäre dies kein ganzes Grundeinkommen und somit keine Grundlage für das komplette Leben mehr.

Wir stellen fest, liebe Leser, Bedingung für ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre die Selbstaufgabe unserer menschlichen Mündigkeit, welche im täglichen Drehen von Rädern besteht, seien sie individuell groß oder klein. Jeder hat seinen Platz, an dem er sein Bestes geben muss, um die Fortentwicklung des riesigen globalen Räderwerks zu sichern, welches uns in Bewegung hält. Wir Menschen haben keine Ahnung, warum wir als Kinder des Weltalls entstanden sind. Und so verhält es sich mit dem leistungsgetriebenen Räderwerk Gesellschaft, in der wir leben: Es muss einfach so sein, es geht nicht anders. Streichen wir das Wort „Alternative“ also ganz aus unserem Wortschatz. Wer seinen Job ordentlich macht, vorbildlich hyperkonsumiert und dennoch Zeit und Lust findet, mag zusätzlich einen Sinn aus seinem Schaffen machen, zum Beispiel andere ausstechen. Notwendig ist der Sinn nicht.

 

Autor: MichaelHöfler

www.michaelhoefler.de

1 Gedanke zu „Grundeinkommen und Gründe“

  1. Die Meimungen zu diesem Thema sind immer noch sehr unterschiedich, dennoch muss man ganz klar sagen, dass es vielen Menschen wieder mehr Lebensqualität bieten würde. Allein aus diesem Grund sollte das Thema nicht einfach beiseite geschoben werden sondern sollte auch in Zukunft Thema bleiben.

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