Der Sachse – Heimatlektüre für den anspruchsvollen Patrioten

Meine Partei, Die PARTEI, hat beim Tag der Sachsen endlich mal eine richtige patriotische Zeitung in dem Schämland verteilt. Ich durfte die empathische Kampfhundreportage schreiben (S. 17), außerdem die Kurzmeldung „*Nescha‘ bedrohtes Wort des Jahres 2016“ (S. 14), sowie die Freizeittipps zu Oberhäslich, Leipziger Buchmesse und Karl-May-Fest (S. 19).

Was die Flüchtlinge uns beibringen können

Zunächst einmal: Wir haben keine Flüchtlingskrise, sondern eine Krise der Vernunft, eine Krise des Geistes und der Humanität. Tatsächlich geht es, wenn man z.B. dem seriösen Harald Lesch oder einer von der NASA finanzierten Studie glaubt, gar nicht darum, ob wir weitere Flüchtlinge aufnehmen wollen. Sie werden aufgrund des Klimawandels und, in der Folge,  einer Trinkwassernot in der Mittelmeerregion sowieso zu uns kommen. Nicht so viele wie 2015, nein: mehr. Viel mehr, vielleicht so viele, wie es bei uns Menschenfeinde gibt, vielleicht aber auch weitaus mehr. Es geht also nicht darum, ob wir weitere Opfer der Weltwirtschaftsordnung ins Land lassen wollen, sondern darum, ob wir die (von unserem imperialen Konsum verursachten) Veränderungen noch einigermaßen fair, human und mit möglichst wenigen Toten gestalten wollen. Das Deutschland von AfD und Co. wird, sofern es überhaupt existiert, sowieso abgeschafft. Entweder wir schaffen das es, die selbstverschuldete Migration zu akzeptieren, und besinnen uns unserer Resthumanität, oder die Migration wird uns so sehr zu schaffen machen, dass nicht mehr viel zu gestalten sein wird.

In Deutschland kommen die Flüchtlinge in einer Individualgesellschaft an. Wir Deutsche haben in 25 Jahren Alleinherrschaft des Neoliberalismus gelernt, uns selbst am nächsten zu sein und unseren Vorteil auf Kosten Anderer zu finden. Dass dies auf Dauer kein funktionierendes Gesellschaftsmodell sein kann, schon gar nicht in den echten Krisenzeiten, die uns drohen – um dies zu begreifen, „muss man kein Soziologieseminar besucht haben“ (Jürgen Roth).

Aus was für einer Gesellschaft kommen dagegen die Flüchtlinge? Syrer, Afghanen usw. sind aus Umständen geflohen, in denen sie einander helfen mussten, schlicht, weil sie anders nicht überlebt hätten. In ihren Gesellschaften waren sie aber schon in friedlichen Zeiten aufeinander angewiesen, denn in ihren Ländern gibt es nicht den westlichen Überfluss, der unsereins gelehrt hat, dass wir immer und überall alles haben können. Dafür braucht man in Deutschland keine Gemeinschaft, man braucht bloß Geld. Wofür man wiederum entweder ohnehin welches haben oder sich in der Leistungsgesellschaft durchsetzen muss. (Je unsozialer ein Job, umso, grob gesagt, besser seine Bezahlung.) Das funktioniert aber nur so lange, wie die Weltwirtschaftsordnung des Vulgärkapitalismus keine so großen Probleme verursacht, dass die Menschen von der Schattenseite des Wohlstands in ganz großer Zahl zu uns kommen.

Tatsächlich war die erste Wirtschaftsform menschlicher Gemeinschaften keine Tauschwirtschaft, bei der man nach einem Tausch quitt auseinander gegangen wäre, sondern eine des langfristigen Ausgleichs und der Kooperation, wo der eine mal das eine hatte und der andere mal das andere, wie David Graeber nachgewiesen hat.
Dieses kooperative Verhalten findet man heute noch in den Ländern, auf die wir mit unseren „westlichen Werten“ gerne so herablassend blicken. Ich habe es selbst u.a. in Marokko, in Kuba und jetzt in Albanien erlebt. Man kann eine beliebige Person auf der Straße fragen, wenn man etwas braucht. Der Gefragte wird jemanden kennen, der weiterhelfen kann, oder der kennt jemanden, usw. Die Flüchtlinge in Deutschland helfen sich auf diese Weise gegenseitig, in Deutschland Fuß zu fassen; sie tauschen Gegenstände miteinander, unterstützen sich mit Handwerkstätigkeiten und teilen ihre Wohnungen zum Schlafen, bis die anderen auch eine haben. Die Bereitschaft dazu müssen sie nicht erst hier lernen, sie bringen sie von zuhause mit.
Diese Fähigkeiten werden dringend notwendig sein, sobald aus dem unterpriviligierten Rest der Welt nicht mehr so viel Energie, Rohstoffe und Verarbeitetes zu holen sein werden, wie wir benötigen, um unseren hochentwickelten Wohlstandsladen am Laufen zu halten. Viele Beispiele von Non-Profit-Organisationen des genossenschaftlichen Wohnens, Landwirtschaftens und Einkaufens u.a. zeigen indes, dass altruistische Kooperation auch in Deutschland möglich ist.

Mit ihrem Gemeinsinn können die Flüchtlinge uns also helfen, das Miteinander und damit längst verratene Menschlichkeit zurückzubringen. Nicht nur, weil sie in der Erwartung, bei uns Humanität vorzufinden gekommen sind; sondern auch, weil sie Gemeinschaft schlicht besser können.