Medienkritik-Kritik

Medienschelte ist allzu billig an Tagen, wo der Nachrichtenkonsument sich trotz allem weiterhin noch schneller eine Meinung baut als der eilfertig für seine eilfertigen Beiträge kritisierte Journalist (welcher den Nachteil hat, dass er die Meinung in ganzen Sätzen und, wenn’s ganz zeitraubend läuft, sogar unter Verwendung eines Rechtschreibprogramms niederschreiben muss).
Diese steile Behauptung illustriere ich anhand von vier Meldungen vom 16. Mai. Die jeweils oberflächliche Lesart richtet sich an den gemeinen Besserwisser, die tiefgründige Lesart an den Qualitätsleser.

  1. „Welt.de“

Der traditionelle deutsche Keramik-Gartenzwerg könnte bald verschwunden sein. «Die Qualität hat in den vergangenen Jahren stark abgenommen, es gibt kaum noch Hersteller. Und ich denke, da wird auch nichts mehr nachkommen«, sagte Experte Frank Ullrich vom Zwergenpark Trusetal. Dabei verzeichnen Händler eine immer stärkere Nachfrage nach den kleinen Männern, die gleichermaßen als Kult- und Hassobjekt gesehen werden.

Oberflächlich: Wo die Wirtschaft sonst mühelos mit Angebot Nachfrage schafft, wo keine besteht (siehe etwa die zur EM hergestellte Produktpalette in Schwarzrotgold), bringt sie hier trotz Nachfrage kein Angebot zustande.

Für Qualitätsleser: Das unentbehrliche Qualitätsprodukt des deutschen Gartenzwergs ist in der gewünschten Premiumqualität aus Porzellan nicht so niedrigpreisig produzierbar, wie es der Zwergenpreise gewohnte deutsche Kleingeist wünscht. Folge: Der deutsche Gnomfreund muss ausländische Gartenzwerge aus Polen importieren und sogar mit dem unerfreulichen Umstand leben, dass diese ihrer hohen handwerklichen Qualität wegen keinen Anlass zur Beschwerde geben.

2. Heilpraxisnet.de

Schmerzmedikament Paracetamol senkt unser Mitgefühl

Oberflächlich: Paracetamol nimmt uns die Schmerzen. Und, Überraschung!, es führt auch dazu, dass es uns nicht schmerzt, wenn jemand anderem etwas wehtut.

Für Qualitätsleser: Aufgrund der „Multikrise“ (Harald Welzer) stehen bald größere Umstrukturierungen in der menschlichen Zivilisation an. Da brauchen wir anständige Medikamente, um mit dem kollateralen Leid zurecht zu kommen und uns nicht durch Sentimentalität von den Aufräumarbeiten ablenken zu lassen.

3. Focus.de

Irrtümlicher 4-Millionen-Kredit: Die irre Shopping-Liste der 17-jährigen Christine. Eine Bank hat einer Studentin in Australien aus Versehen einen Überziehungskredit in Millionenhöhe gewährt. Die damals 17-Jährige bediente sich kräftig: Sie soll Handtaschen, Schuhe und Luxusgüter gekauft und sündhaft teure Wohnungen angemietet haben.

Oberflächlich: Was heißt hier „irre shopping-Liste“? Die Studentin hat nach bestem Wissen und Gewissen die (von den industrieabhängigen Medien propagierte) Doktrin des kreditfinanzierten Hyperkonsum befolgt und 2,15 Millionen australische Dollar (immerhin 1,4 Millionen Euro) ausgegeben. Vermessen, wer mehr erwartet. Ohne Konsum auf Pump hätte man z.B. die amerikanische Wirtschaft längst schließen können.

Für Qualitätsleser: Die junge Lady hätte ihren Konsumbedarf aus anständig erschwindeltem Geld bestreiten und sich entsprechende Eltern suchen müssen.

4. MMO – Das Magazin für Online Spiele
Schalke kauft LoL-Team

Oberflächlich: LOL!

Für Qualitätsleser: Mehr als dieser billige Witz lohnt hier ein Blick auf die Fakten: „LoL“ steht für „League of Legends“ und bezeichnet nicht etwa eine namentlich suggerierte Spielklasse fußlahm gewordener Ex-Profis, sondern (man beachte den Namen des Mediums) „e-Sport“. Schalke 04 möchte künftig wenigstens virtuelle Erfolge feiern zwecks Seriositätsgewinns von der Massenunterhaltung weg, vom U ins E-Fach wechseln.

Dialektik der Durchstreichung

In diesen irren bewegenden Zeiten ist es wichtig, eine dezidierte Haltung dialektische Position zu vertreten. Sprachlich sollte man gebührend auf die überbordende Blödheit einschlagen sich jede Wertung verkneifen, um dem wirren Volk den Spiegel seiner Ignoranz vorzuhalten weitere Eskalation zu vermeiden. Das Stichwort dazu lautet Antifaschismus gewaltfreie Kommunikation. Den merkbefreiten Ignoranzlern aufgebrachten Meinungsinteressierten ist der Spiegel des aufgehetzten Meinungsexhibitionismus vorzuhalten auf gleicher Augenhöhe zu begegnen. Je mehr man mit Wissen punktet Kreide man frisst, umso mehr erfährt der Impulsgesteuerte Gesprächspartner über seinen Zivilisationsgrad Empathie. Auf rassistisches Hassgebrüll Humanismusskepsis ist mit einer verbalen Tracht Prügel Verständnis für Besorgtheit zu reagieren.

Textverarbeitungsprogramme erlauben, den Verbaltadel neutral Formuliertes durch zu streichen GROSS ZU SCHREIBEN. Damit kann man dem Leser gegenüber mit (vermeintlichen) Fehlern kokettieren auch die richtige Meinung anbieten. Die ausgestrichene Lesart Korrektur richtet sich an den Ironieversteher Rechthaber!!!!! Denn „Freiheit ist immer die Freiheit der AndersRichtigdenkenden“ (Rosa Luxemburg Peggy Glatzsch). Toleranz bedeutet zu ertragen, dass die Welt nach Deutschland kommt für Deutschland arbeitet.

Festzuhalten bleibt, dass Durchstreichungen Ausradierungen einen Text reichhaltiger lügenfrei machen. Wer zu blöd wahrnehmungsflexibel klug ist, um Korrigendum und Korrektur korrekt zu unterscheiden sich überhaupt mit so einer Stümperei zu beschäftigen, erkennt die Vielschichtigkeit im Multitext nicht findet kraft seines deutschen Menschenverstands dennoch die Wahrheit darin. (Auch in einer Klammer kann man Wichtiges vor eiligen Impulslesern verstecken und gar unterstreichen – ohne dies unschön durchstreichen zu müssen.)
Zur Vollständigkeit der Dialektik fehlt nun neben These und Antithese Pro noch die Synthese Bestätigung. Diese Synthese Bestätigung liefert die Auslassung: das Weglassen dessen, was das vernunftbegabte Gehirn von selbst ergänzt der Lüge. Grund: Das Weglassen ist die goldene Mitte zwischen Rede (unwidersprochen) und  Gegenrede (durchgestrichen). Es steht traditionell zwischen den Zeilen geschrieben, kann sich aber auch in Form z.B. einer unausgeschriebenen Beleid mittendrin finden. Alle Deutschen Ausländer sind!!!! Kruzifixtürken!
Streichel-Ende und Nachhausemitnehm-Botschaft: Wer dich streicht, dem spiele einen guten Streich streiche eine auf.

 

Straßenschäden

Eine Straße und gleichzeitig keine Straße, sondern etwas Drittes, ganz Neues. Vorbildliche Dialektik im Straßenbild der rumänischen Karpaten.