Auftragsschreiber mit intrinsischer Begeisterung

Mit diesem Text über eine Lesung im Rahmen der Leipziger Buchmesse preise* ich meine Schreiberdienste für Veranstaltungen jeder Art an. Intrinsische Begeisterung, sinnfrei überzogenes Vokabular und aus jeder Panne ein Fest machen inklusive.

Sachdienlicher Hinweis: Die Lesung fand am Freitag, 18. März, mit 15 Zuhörern statt. Am Samstag, 19. März, wurde die Lesung groß in der Leipziger Volkszeitung für den Samstagabend angekündigt.

 

* billig

Meine einzige Begegnung mit Roger Willemsen

Vor ein paar Jahren traf ich auf der Leipziger Buchmesse den mir (von dieser Aktion) bekannten Wolfgang Tischer vom Literaturcafé, der mit sogleich und maßvoll angespannt verriert, dass er in einer halben Stunde Roger Willemsen auf einer Bühne über dessen Bundestagsbuch interviewen werde. Keck und ohne Risiko für mich schlug ich zwecks Brisanz des Gesprächs die Frage an Willemsen vor, ob man für die Erkenntnis, dass im Bundestag nur Fassaden gepflegt werden, dort ein halbes Jahr abhängen verbringen müsse.

Vor besagter Bühne hatte sich eine stattliche Menschenmenge versammelt, als Willemsen durch ein Spalier schritt, welches ihm seine Ausstrahlung aufgetan hatte. Seine überwachen Augen schienen alles und jeden in der Menge zu erfassen, also auch mich. Ich stand einen halben Meter neben der Gasse, die den großen Brillen-Mann mit den graumelierten Schwunglocken auf die Bühne führte – nahe genug, um zu sehen, wie schwer Willemsen an seiner eigenen Aura zu tragen hatte. Mein Herz erhöhte seinen Rhythmus auf den von Willemsens schneidigen Schritt. Ein Attribut, das zu nennen sich bei dem Anlass des Todes eines Menschen (hinter seiner Figur) verbietet, schien sich materialisiert zu haben.

Das Interview begann mit irgendwas. Willemsen erfreute sich an den Fragen und gefiel sich im Antworten fabulieren. Als Wolfgang Tischer einer Frage eine Entschuldigung vorschob, rumpelte es in meinem Oberstübchen. Die Folge: Unordnung und Emotionen statt Vernunft und Gedanken. Tischer erwähnte einen Mann im Publikum, der unbedingt wissen wolle, warum man wohl ein halbes Jahr brauche, um herauszufinden, dass es im Bundestag um Form und nicht um Inhalte gehe. Willemsen fixierte zunächst Tischers Antlitz wortlos streng, ehe er ihm dann nicht minder streng bescheinigte, dass er ihm die Frage persönlich krummgenommen hätte, hätte sie von ihm selber gestammt. Dass es sich dabei um eine Dreistigkeit und Frechheit handle, klang süffisant, hatte aber eine Minute lang ausformuliert zu werden. Ehe Willemsen Wörter Worte zu einer Antwort formte, musste ich mich als Urheber dieser Frechheit in der crowd melden. Ich streckte verschämt den Arm nach oben, während mein Kopf sich weiter weigerte, kognitiv tätig zu werden. Willemsen musterte mich aus zehn Metern Entfernung. Dann schmiedete er einen Monolog aus Eloquenz und ehernen Vokabeln über Authentizität, Chronistenpflicht, Anekdoten usw. usf. Als er mit seinem Gesprochenen zufrieden schien, richtete er die Frage an mich, ob ich dies nun auch sei. Ich nickte untertänigst und freute mich, dass mein Herz in den zweiten Gang zurückschalten konnte.

Ich danke Roger Willemsen sehr dafür, dass er sich ebenso damit begnügte.  Denn auf der Bühne hätte ich rhetorisch definitiv den Kürzeren gezogen. Noch hatte ich irgendeine Erfahrung in der direkten Auseinandersetzung mit seinem Menschenschlag. R.I.P.!

Tierakquise in Zeiten der Misanthropie

Als ein Freund mir kurz nach Weihnachten schrieb, dass sich „eine Katze in deiner Wohnung gut machen würde“, wollte er mir damit sicher sagen, dass umgekehrt mir die Gesellschaft eines Haustiers guttäte. Und in der Tat war ich wahrscheinlich menschlich genug auf den Hund gekommen, um mir Zuwendung bei einem Tier zu suchen*. Aber immerhin nicht ganz so sehr, als dass ich mir einen Hund hätte anschaffen wollen. Bei einem Hund wäre es mir schwer gelungen, seine Zuneigung persönlich zu nehmen, so monokausal wie Hunde immer genau denjenigen lieben, der sich ihrer annimmt. Man beobachte bloß mal (Achtung: Misanthropie!), was für liebenswerte Hunde was für Faschisten „unbedenken Gehorsam“ (Gerhard Polt) leisten. Gemäß der Redensart** „wessen Futter ich esse, dessen Feind ich anknurre“ lässt sich ein Wauwau wie ein Pawlow-Hund abrichten, z.B. um einen Underdog wegen des Besitzes weicher Drogen zu verpetzen.
So war bei mir eine Katze die bessere Wahl, denn die Spezies Katze hat sich der Futterabhängigkeit zum Trotz ihren Willen nicht kaputt domestizieren lassen. Die aus der Not, aus der ich sie akquirieren würde, erwachsende Bindung einer jugendlichen Mieze an mich könnte ich besser persönlich nehmen und mir selbst gegenüber als Zuneigung meiner missdeuten.
Ich begann, mich mit dem Thema Katzenhaltung zu beschäftigen – um festzustellen, dass die Inflation von Katzenfotos im Internet mit einem entsprechenden Aufkommen von Stubentigern im real life einhergeht. Auf einmal entpuppte sich das halbe Haus als Katzenbesitzer (in Gegenwart oder Vergangenheit) resp. Katzennarr, der ich erst werden wollte. Und praktisch jeder Bekannte und Freund, mit dem ich sprach und dem oder der ich bis dato bei Animalthemen offen gestanden kaum zugehört hatte, hatte Tipps für mich von E = Ernährung bis Z = Zucht. Das gute an Tipps ist, dass sie sich ab einer gewissen Anzahl widersprechen, wodurch man sich dann in meinem Fall aussuchen kann, wie lange man eine Jungkatze alleine halten sollte. So konnte ich meine vorher gefasste Meinung und Absicht bestätigen, zunächst Vaterfigur für eine Jungkatze zu werden, auf dass diese im Sommer ihrerseits fürsorgliche Adoptivmutter eines noch zu zeugenden Katzenbabys (einer „hübschen Katze“ einer Kollegin; #Projektkatze) werde.

Wegen eigensinniger ästhetischer Erwartungen (dreifarbige Promenadenmischung) an die Katze, für die ich mich als Wohltäter fühlen wollte***, zögerte ich anfangs, auf Annoncen u.a. von Tierheimen zu antworten. Ein einjähriger Kater, der sich der Beschreibung zufolge wie ein Hund benahm („folgt einem überall hin“), war leider doch nicht so „dringend abzugeben“, als dass die Besitzerinnen auf mein Adoptionsansinnen geantwortet hätten. (Wie lange ich dieses Benehmen wohl lustig gefunden hätte?) Auf eine eigene Annonce in einem als alternativ geltenden Forum hin („große Maisonettewohnung mit Zugang zu zwei Balkonen, Dach und Innenhof“) enthielt ich eine anonyme Belehrungsmail einer Tierschutzaktivistin, die mir zur Wohnungshaltung der domestizierten Tiere die Leviten las. Eine virtuelle Bekannte empfahl mir anschließend wiederum eine Bekannte ihrer, die besonders bedauernswerte Straßenkatzen aus Bulgarien vermittelte. Hätte ich den Rat aus meinem Umfeld ignoriert, u.a. aus ökologischer Verantwortung eine Regionalmieze zu nehmen, ich hätte mich doppelt gut fühlen können. Weiterer Vorteil  laut Bekannter II: Dank seiner street-credibility  Straßenvergangenheit käme so ein Vierbeiner sehr intelligent daher. Ganz zu Schweigen vom, die eigenen Kognition ganz ausgeschaltet, Reiz einer transkulturellen Katze mit Paprika in der Blutbahn. Die Sache sollte daran scheitern, dass die armen Tiere nach endloser Lkw-Fahrt nur in Westdeutschland ankommen.

So wendete ich mich doch an die lokalen Tierunterkünfte. Im Tierheim Dresden hatten sie aber nur Freilandkatzen im Angebot, im Katzenhaus Dresden-Luga jedoch wurden mir fünf vermittelbare Innenhaltungstiere zugesagt. Nachdem ich am Freitag gegen 15h (Öffnungszeit bis 16h) in dem modernitätsfernen Randbezirk an dem Puppenstubenhäuschen, das die notierte Adresse trug, geklingelt hatte, öffnete eine wohl aus Überraschung schweigsame Katzenvermittlerin. An dieser Stelle würde es sich nicht gehören, das Hausinnere zu beschreiben, aber in mir regte sich ein Verdacht, von dem noch zu reden sein wird. Von den fünf versprochenen Katzen wusste man nichts, dafür bekam ich in einer Art Zimmerstall vier wildgeborene, noch nicht gezähmte und später mal für die Wohnungshaltung (!) vorgesehene Tiere zu sehen.
Am folgenden Tag besuchte ich das Tierasyl in der fremdenfeindlichen Stadt Freital. Der nicht übergepflegte Mann, der mir das Haus im Wald auf einem Hügel vor der Stadt öffnete, bestätigte den eben erwähnten Verdacht nicht nur, indem er mir die Auskunft erteilte, dass er sich nicht auskenne. Dito seine Kollegin, beider Aussage wurde vom bedürftigen Interieur unterstrichen. Ich erfuhr immerhin, dass die Katzen oben im Haus in Quarantäne gehalten würden, wo man sie sich allerdings nicht ansehen könne.
Schließlich kam eine jüngere, eloquentere Frau zu mir in das kühle Vermittlungszimmer hinunter, in das ich inzwischen gesetzt worden war. In der Hand hielt sie einen Käfig mit einer Katze darin. Das junge Geschöpf kaum kleiner als der Zwinger, in den es angstvoll eingesperrt war. Die Frau stellte den Käfig auf den in Linoliumoptik gehaltenen Tisch zwischen uns. Das dreifarbig gescheckte, halbjährige Tier stand auffrecht auf seinen weißen Pfoten und rührte sich so wenig, wie der Zwinger es zuließ. Das Gespräch mit der Frau verlief simpel. Ich wollte fragen, erzählen, abwägen, wegen der anderen erwähnten Katzen nachhaken … Doch die Situation beantwortete alle Fragen. Es war einfach klar, dass ich dieses Tier adoptieren musste, obwohl es so eingesperrt zu keiner Demonstration seines Charakters („verspielt und verschmust“, Übergabeprotokoll) imstande war. Schon allein, um ihm eine Wiederholung dieser Würdelosigkeit zu ersparen. Während ich das Übergabeprotokoll unterschrieb, liefen Kinder mit ihren Eltern an dem Raum vorbei und feixten fröhlich „jetzt können wir uns alle Katzen und Hunde anschauen!“. Sollte ich mich veralbert fühlen? Nein! Es erleichtert so sehr, wenn die Umstände für einen entscheiden.
* Um bei diesem Eingeständnis nicht zu unsympathisch zu wirken, füge ich hinzu, dass ich in der Schämstadt Dresden lebe. Dieser Umstand taugt umgekehrt hervorragend, um wahre Misanthropie zu vertuschen.
** Erfundene Redensart
*** vergleiche die Redensart „Tue Gutes und sprich darüber!“

 

Laila 2

 

 

Das ist die adoptierte Laila, 5-6 Monate alt. Sie ist eine Trikolor-Premium-Promenadenmischung und weißbesohlt. Ich habe sie sehr lieb.

Vergangenheitsheilung durch Gegenwartskritik (über dieses Blog)

time travel

Analyse (grüblerisch)
Die Gegenwart hat, so sehr man mit ihr hadern mag, den großen Vorteil, dass sie in dem Moment, wo man sich ihrer gewahr wird, bereits Vergangenheit ist. Sogleich waltet eine neue Gegenwart, während es der dann Ex-Gegenwart  in der Vergangenheit weitaus besser ergeht. Denn das meist negative Empfinden der neuen Gegenwart ermöglicht es, die Ex-Gegenwart als ungleich positiver zu empfinden, als sie es tatsächlich war. Dieses Golden-Age-Syndrom lässt Kapitalismusgegner Retroware aus der nachträglich als schön wahrgenommen BRD-DDR-Zeit kaufen und Fremdenfeinde ein Deutschland glorifizieren, das es nie gab. Die (flüchtige) Gegenwart Deutschlands dient womöglich gar den hierher geflohenen Kriegsopfern zur Traumalinderung. Allgemein funktioniert die Vergangenheitsheilung umso besser, je mehr und je negativer neue Gegenwarten den Wunsch nach dem Schönen und Guten in der Vergangenheit erfüllen. Ist die neue Gegenwart tatsächlich nicht schlecht genug, genügt auch eine negative Wahrnehmung ihrer. (Umgekehrt muss eine negative Gegenwart auch als schlecht wahrgenommen werden.)

Motivation (intrinsisch)
Die (in der jeweiligen Gegenwart verfassten) Einträge dieses Blogs mögen oberflächlich betrachtet pessimistisch daherkommen, sind aber im Gegenteil optimistisch gemeint, kurieren sie doch, was vorher schlecht, schlimm oder schlicht krank war. Damit nicht mehr gelten muss: „Früher war es anders scheiße.“ (Dietmar Wischmeyer) Eine spätere Gegenwart wird also die heutige Gegenwart reparieren können, ja: sie zu einer blühenden Landschaft im Raum-Zeit-Kontinuum machen. Wer dies nicht glaubt, der mache sich klar, wie winzig die Gegenwart im Vergleich zur (permanent wachsenden) Vergangenheit ist. Das Jetzt gleicht einem Quark-Teilchen im größten See der Milchstraße. Ein klein bisschen Gegenwartsschelte kann also bereits genügen, um riesige Zeitspannen nachträglich gesund und gut zu machen. Dem gerade besonders beängstigend waltenden Gespenst des Zeitgeists (merken Sie was?) ist also zu huldigen. Wer immer noch Zweifel hegt, den überzeugt bestimmt ein kryptisches Satzgebilde mit einer hohlen Phrase: Zeitzeichen sind stets im Zeichen derjenigen Zeit zu betrachten, in denen sie ihr Zeichen setzen; im Zweifel gilt das Gebot der Präsenz im Präsens.

Eine Zukunft mit Zukunft? (visionär)
Seriöserweise befasst sich dieses Blog nicht mit der Zukunft, denn „über die Zukunft ist im allgemeinen recht wenig bekannt“  (Karl Valentin, angeblich). Wir leben nun mal nicht in der Zukunft, noch werden wir jemals eine Zukunft erlebt haben. Jedenfalls nicht bei dieser Gegenwart!

Plan (realistisch)
Damit der Plan der positiven Vergangenheitsgestaltung durch Gegenwartskritik aufgeht, darf dieses Blog nicht so erfolgreich werden, als dass seine alten Einträge gelesen würden und damit die Verklärung der Vergangenheit gefährdeten. Dies sollte jedoch in Anbetracht der Qualität der Beiträge kein Problem darstellen. Negatives wird eh nicht gerne gelesen, und dazu trägt die gegenwärtige Gegenwart über Gebühr bei.

Insofern, insoweit, von daher und mit der Bitte um freundliche Missachtung:
Michael Höfler