Der Sachse – Heimatlektüre für den anspruchsvollen Patrioten

Meine Partei, Die PARTEI, hat beim Tag der Sachsen endlich mal eine richtige patriotische Zeitung in dem Schämland verteilt. Ich durfte die empathische Kampfhundreportage schreiben (S. 17), außerdem die Kurzmeldung „*Nescha‘ bedrohtes Wort des Jahres 2016“ (S. 14), sowie die Freizeittipps zu Oberhäslich, Leipziger Buchmesse und Karl-May-Fest (S. 19).

Was die Flüchtlinge uns beibringen können

Zunächst einmal: Wir haben keine Flüchtlingskrise, sondern eine Krise der Vernunft, eine Krise des Geistes und der Humanität. Tatsächlich geht es, wenn man z.B. dem seriösen Harald Lesch oder einer von der NASA finanzierten Studie glaubt, gar nicht darum, ob wir weitere Flüchtlinge aufnehmen wollen. Sie werden aufgrund des Klimawandels und, in der Folge,  einer Trinkwassernot in der Mittelmeerregion sowieso zu uns kommen. Nicht so viele wie 2015, nein: mehr. Viel mehr, vielleicht so viele, wie es bei uns Menschenfeinde gibt, vielleicht aber auch weitaus mehr. Es geht also nicht darum, ob wir weitere Opfer der Weltwirtschaftsordnung ins Land lassen wollen, sondern darum, ob wir die (von unserem imperialen Konsum verursachten) Veränderungen noch einigermaßen fair, human und mit möglichst wenigen Toten gestalten wollen. Das Deutschland von AfD und Co. wird, sofern es überhaupt existiert, sowieso abgeschafft. Entweder wir schaffen das es, die selbstverschuldete Migration zu akzeptieren, und besinnen uns unserer Resthumanität, oder die Migration wird uns so sehr zu schaffen machen, dass nicht mehr viel zu gestalten sein wird.

In Deutschland kommen die Flüchtlinge in einer Individualgesellschaft an. Wir Deutsche haben in 25 Jahren Alleinherrschaft des Neoliberalismus gelernt, uns selbst am nächsten zu sein und unseren Vorteil auf Kosten Anderer zu finden. Dass dies auf Dauer kein funktionierendes Gesellschaftsmodell sein kann, schon gar nicht in den echten Krisenzeiten, die uns drohen – um dies zu begreifen, „muss man kein Soziologieseminar besucht haben“ (Jürgen Roth).

Aus was für einer Gesellschaft kommen dagegen die Flüchtlinge? Syrer, Afghanen usw. sind aus Umständen geflohen, in denen sie einander helfen mussten, schlicht, weil sie anders nicht überlebt hätten. In ihren Gesellschaften waren sie aber schon in friedlichen Zeiten aufeinander angewiesen, denn in ihren Ländern gibt es nicht den westlichen Überfluss, der unsereins gelehrt hat, dass wir immer und überall alles haben können. Dafür braucht man in Deutschland keine Gemeinschaft, man braucht bloß Geld. Wofür man wiederum entweder ohnehin welches haben oder sich in der Leistungsgesellschaft durchsetzen muss. (Je unsozialer ein Job, umso, grob gesagt, besser seine Bezahlung.) Das funktioniert aber nur so lange, wie die Weltwirtschaftsordnung des Vulgärkapitalismus keine so großen Probleme verursacht, dass die Menschen von der Schattenseite des Wohlstands in ganz großer Zahl zu uns kommen.

Tatsächlich war die erste Wirtschaftsform menschlicher Gemeinschaften keine Tauschwirtschaft, bei der man nach einem Tausch quitt auseinander gegangen wäre, sondern eine des langfristigen Ausgleichs und der Kooperation, wo der eine mal das eine hatte und der andere mal das andere, wie David Graeber nachgewiesen hat.
Dieses kooperative Verhalten findet man heute noch in den Ländern, auf die wir mit unseren „westlichen Werten“ gerne so herablassend blicken. Ich habe es selbst u.a. in Marokko, in Kuba und jetzt in Albanien erlebt. Man kann eine beliebige Person auf der Straße fragen, wenn man etwas braucht. Der Gefragte wird jemanden kennen, der weiterhelfen kann, oder der kennt jemanden, usw. Die Flüchtlinge in Deutschland helfen sich auf diese Weise gegenseitig, in Deutschland Fuß zu fassen; sie tauschen Gegenstände miteinander, unterstützen sich mit Handwerkstätigkeiten und teilen ihre Wohnungen zum Schlafen, bis die anderen auch eine haben. Die Bereitschaft dazu müssen sie nicht erst hier lernen, sie bringen sie von zuhause mit.
Diese Fähigkeiten werden dringend notwendig sein, sobald aus dem unterpriviligierten Rest der Welt nicht mehr so viel Energie, Rohstoffe und Verarbeitetes zu holen sein werden, wie wir benötigen, um unseren hochentwickelten Wohlstandsladen am Laufen zu halten. Viele Beispiele von Non-Profit-Organisationen des genossenschaftlichen Wohnens, Landwirtschaftens und Einkaufens u.a. zeigen indes, dass altruistische Kooperation auch in Deutschland möglich ist.

Mit ihrem Gemeinsinn können die Flüchtlinge uns also helfen, das Miteinander und damit längst verratene Menschlichkeit zurückzubringen. Nicht nur, weil sie in der Erwartung, bei uns Humanität vorzufinden gekommen sind; sondern auch, weil sie Gemeinschaft schlicht besser können.

Titel für (wissenschaftliche) Vorträge zu verschenken

Tageserholung bei Burnout: Strategien proaktiven Chillens

Nachhaltigkeit to go: wenn Innovationen laufend erneuert werden müssen

Faul und fair: bedingungsloses Grundeinkommen am Arbeitsplatz

Entspannung versus Endspannung: wann das Weltthema ein Thema von Welt ist

Wie kann Hass von Empathie profitieren? Mit free hugs gegen Soziopathen

Observing the unobservable: die weltweit erste Messung einer latenten Variable

Gut ist gut genug: Belohnungsaufschub durch partielle Optimierung

Architektur der Dopaminausschüttung: wenn Neuroforschungszentren nachhaltige Belohnungszentren  bauen

Randomisierung von Prüfungsnoten: Vorteile und benefits

Expertism: lay beliefs feel uncomfortable in the black box

Lokal- und Weltkrisen: Welchen Beitrag kann ich leisten?

Exzellente Strategien zum medialen Unwissenstransfer

Prediction outperforms reality: Wenn Fußballtipps besser sind als der tatsächliche Spielausgang

Fairness beim Mobbing: Richtlinien und Guidelines

„Can I or is it possible?“ Warum diese Unterscheidung egal ist, wo sie aber dennoch relevant werden kann

Hass und Hoffnung

Markus Metz und Georg Seeßlen sind wahrscheinlich die deutschen Autoren mit den besten Erklärungen für den nachhaltigen Irrsinn in Deutschland und der Welt. In ihrem Buch Blödmaschinen von 2011 haben sie dezidiert analysiert, wie sich unsere Gesellschaft in der „Alternativlosigkeit“ des Neoliberalismus entmündigt hat und gar „von sich selbst nichts mehr wissen will“. In ihrem neuen Buch Hass und Hoffnung erklären sie, wie Fremdenhass, der Zerfall Europas, Krieg, Terrorismus und Neoliberalismus zusammengehören. Eine Besprechung in Zitaten.

Wäre Europa, was es einmal zu werden versprach, dann wäre die Aufnahme der Flüchtlinge, ihre menschenwürdige Versorgung, ihre Integration in Arbeit und Kultur kein Problem, sondern eine jener Aufgaben, an denen man wachsen und reifen kann: Es hätte hier eine neue Gesellschaft entstehen können; Europa nicht als verfallende Festung von Begünstigten, die nicht einmal ihre Privilegien genießen können, weil sie sie sich gegenseitig nicht gönnen, sondern als Idee einer neuen […] Gemeinschaft der freien Menschen. Nichts Perfektes, nichts Konfliktfreies, nichts Idyllisches. Nur etwas, das wirklich hat, wovon die leere Rede ist: humanistische Werte.
Dieses […] Europa hat es zugelassen und gefördert, dass einige seiner Mitglieder ein Nation-Building auf der Grundlage von ethnischen, kulturellen und religiösen Identitäten betrieben. Hauptsache, die Regierungen waren nicht links; solange man die Märkte öffnete und Teil des „Verteidigungsbündnisses“ wurde, dann genügten bereits noch so oberflächliche Demokatie-Inszenierungen, um sich als EU-Mitglied zu qualifizieren.
Selbst der dümmste Pegida-Schwätzer muss wissen, dass der Wohlstand, auf den man sich negativ beruft (nämlich aus Hassangst davor, dass jemand etwas davon abhaben wollte) gerade aus der politisch-ökonomischen Entnationalisierung von Produktion und Warenverkehr stammt.
Postdemokratisches Regieren basiert in großem Umfang darauf, den Ausnahmezustand in Permanenz zu erhalten. Daher der „Krieg gegen den Terror“, daher die „Finanzkrise“, die „Griechenland-Krise“ und nun die „Flüchtlingskrise“. Der Ausnahmezustand kann nur dann aufrechterhalten werden, wenn ein Problem nicht gelöst, sondern in serielle Schwingungen versetzt wird.
Die Nation ist vor allem eine Inszenierung der Unterhaltungsindustrie, Sport, Heimatschnulze, nationales Feelgood-Movie und Großevent, aber selbst noch die Faschisten und Halbfaschisten sind vor allem und erst einmal ein Marktsegment.
Je weniger man wirklich Anteil hat an Ökonomie, Nation und Demokratie (bzw. „Regierung“), desto wichtiger wird die Teilnahme an symbolischen Ordnungen. Sie funktionieren nur, wenn es „die anderen“ gibt.
Sie behandeln […] „Nation“ nicht als Diskurs, sondern als Dispositiv [verkürzt gesagt: etwas, das nicht infrage gestellt wird]. Damit sind sie jedem Argument unzugänglich; der Flüchtling aber […] ist eine Bedrohung dieser Konstruktion und gleichzeitig eine Bestätigung: Die Nation existiert, weil man sie gegen Eindringlinge verteidigen muss.
Denn das Dispositiv, in dem man sich bewegt, setzt die nationale Erzählung frei. Ob alles gelogen ist, das ist egal. Hauptsache, es fühlt sich gut an.
Der Symbolraum Demokratie implodiert; er hat keine sinnvolle Beziehung zum Wohlstand und zum Leben in der besseren Welt mehr, und er kann seinen Pakt zum Symbolraum Nation nur noch negativ erfüllen, nämlich als Wirtschaftskrieg gegen andere Nationen (wie das Beispiel Griechenland zeigt) und als ohnmächtiger Diener des Kapitals.
Die deutsche Mainstream-Presse hat […] den inneren Ausnahmezustand ausgerufen. Der Lohn dafür besteht darin, nicht mehr Kritiker, sondern Teil des Souveräns zu sein.
Jede Ausweitung der Kampfzone ist ein Sicherungsgürtel um den feudalen arabischen Kapitalismus.
Der barocke Machtmensch, den der bayrische Sonderweg der konstitutionellen Demokratie und des libertinären Paternalismus in immer neuen Varianten hervorbringen muss, leidet […] darunter, dass seine Machtfülle für das eigene Land eigentlich zu groß, für eine entscheidende Position in der deutschen Zentralmacht aber dann doch wieder nicht ausreicht. Die Folge ist ein Schwanken zwischen Größenwahn und gekränktem Narzissmus.
Das Versprechen an den kommenden Terroristen lautet also:
– Die Gewalt, die in dir ist, soll nicht länger unterdrückt, sondern in den Dienst der guten Sache gestellt werden.
– Die Schuld deiner früheren Untaten wird durch noch größere Untaten in diesem Dienst getilgt.
– Statt Strafe zu fürchten, darfst du Belohnung erhoffen (wenngleich auch möglicherweise erst im Jenseits).
– Deine Sexualität darf sich in Narzissmus, Sadismus und Performance auflösen; auch deine ‚unordentliche‘ und verwirrende Sexualität wird einem fundamentalen Odnungsprinzip unterzogen. Du darfst nicht lieben. aber du darfst vergewaltigen.
– Wenn du das Selbstopfer mit einbeziehst, gibt es für dich kein Scheitern mehr. Alles an dir, jede Geste, jedes Zeichen, jedes Gerät, jede Waffe, jede Fahne, jeder Gesang ist Triumpf im Echo der Angst der anderen.
– Bevor du stirbst, darfst du Macht genießen.
– Was immer du in unserem Dienst tust, macht dich zum Star, dem Anerkennung, Unterwerfung, Hingabe sicher sind. Niemand lacht über einen Terroristen.
– Als Belohnung für deine Unterwerfung erhältst du eine fundamentale moralische ‚Freiheit‘, die eine Zivilgesellschaft dir niemals geben kann.
– Deine Entscheidung gegen das Leben macht dich unsterblich.
– Jetzt kannst du es allen zeigen!
Das Projekt der Aufklärung war dazu gedacht […] diese Zusammenhänge verstehen zu lernen. In Gesellschaften, die aus Hass und Angst den Verstand verlieren, kann man den Unterschied zwischen ‚Verstehen‘ und ‚Verständnis zeigen‘ nicht mehr verstehen.

Grundeinkommen und Gründe

Das Schweizer Volk (immerhin knapp 80% der Abstimmungsteilnehmer) weiß genau: Es wäre mit dem bedingungslosen Grundeinkommen, welches es sich mit einem simplen Ja zum Volksentscheid hätte selbst bescheren können, heillos überfordert gewesen. Jeder hätte monatlich 2500 Franken bekommen, einfach so, weil er oder sie ein Mensch ist. Dabei ist Menschsein doch keine Leistung! Menschsein – dass wir das können, hat doch jeder von uns qua Geburt bewiesen, sonst wäre er gar nicht auf der Welt (anthropisches Prinzip).

Stellen Sie sich vor, liebe Leser, Sie wachen morgens auf und statt gegen die Uhr zu duschen, sich Business-Gewand überzustreifen und noch schnell ein paar Kalorien in den Mund zu stopfen, die es anschließend in Ihr Tagessoll an Bruttosozialprodukt umzuwandeln gälte, dürften Sie einfach liegenbleiben. Sie könnten überlegen, was Sie mit dem lieben Tag anfangen wollen: sich um Andere kümmern; anpacken, wo ihre Hilfe gut täte; Ihr Wissen vergrößern, sich mit Anderen austauschen; sinnieren, um herauszufinden, was eine sinnvolle Aufgabe für Sie wäre. Oder wenn Ihnen gar nichts einfällt, einfach keinen weiteren Schaden anrichten.

Doch Hand aufs Herz, liebe Leser, wer möchte das schon? Wer kann ermessen, was zu tun oder zu lassen sinnvoll oder gar gut wäre? Das entscheiden doch Andere, die die Welt so eingerichtet haben, wie sie ist: Unternehmensbosse, die sich als am besten und stärksten erwiesen haben. Teils sogar noch Politiker, die wir selbst an die Macht gewählt haben! Und was überhaupt ist „gut“? Ein Gutmensch etwa? Sehen Sie! Wäre die Welt tatsächlich nicht so alternativlos, es gäbe es sie nicht nur einmal, es gäbe Parallgesellschaften! (Womit nicht die Alternativlosigkeits-Verweigerer in Kreuzberg und Co. gemeint sind.)

Betrachten wir die Sache wissenschaftlich: Als homo oeconomicus ist es in unseren Genen angelegt, dass wir gut im Reagieren sind. Wir vermögen uns den Umweltbedingungen der Wirtschaftsordnung in unserer Umgebung, dem Leistungsdruck, unseren aus sich selbst gemachten Aufgaben, den cholerischen Ausfällen unseres Chefs, perfekt anzupassen. Wir können uns völlig grundlos motivieren und dabei optimal funktionieren. Und mehr als optimal geht nicht! Mehr als reagieren ist also nicht drin. Die Wissenschaft geht ohnehin ziemlich einmütig davon aus, dass es keinen freien Willen gibt.

Doch denken wir das Grundeinkommen unvoreingenommen weiter: Was wäre dies für ein ambitioniertes Sozialexperiment gewesen, wäre die Schweizer Regierung gezwungen worden, es einzuführen. Zunächst wäre eine riesige Umverteilung von Vermögen notwendig geworden, um auch nur einen Teil des Grundeinkommens zu finanzieren. Resultat: weniger Varianz im Eigentum. Aber wäre das richtig, wo wir Menschen doch wegen unserer Vielfalt sind, was wir sind (Menschen!)? Vielfalt verschwände, würden wir bei den Besitzständen von Geld, Wohnraum, Lebensmittelressourcen u.u.u. eine Ausnahme machen, bloß weil Ideologen dies für „sozial“ halten!

Die zweite Folge wäre sogenanntes „soziales Engagement“, welches angeblich entstünde, verweigerten wir uns unserer Bestimmung zu fremdbestimmter Erwerbsarbeit. Was nett klingt, entpuppt sich bereits als Hirngespinst, führt man sich bloß vor Augen, welche Abneigung wir für die Taugenichtse und Asis auf der Straße, die siechenden Rentner in den Pflegeheimen und oft schon unsere Nachbarn empfinden. Ihnen allen und ihren Problemen dürfen wir täglich in unserem Job und den kostenpflichtigen Freizeitangeboten, die er uns finanziert, entfliehen!

Drittens würden angebliche „bullshit jobs„, also Stellen, die angeblich Schaden auf der Welt anrichten, weniger werden. Denn wir müssten sie nicht mehr verrichten, um unseren Lebensbedarf bezahlen zu können. Doch generieren Jobs von Bankern, Unternehmensberatern und Verwaltungsangestellten viel, viel Arbeit, die es sonst nicht gäbe, und die Millionen von uns ein selbstbestimmtes Leben erspart!

Ganz Naive antworten auf die Gretchenfrage, wie das Grundeinkommen überhaupt zu bezahlen sei, dass die Einführung einer monatlichen Daseinsprämie die ganze Wirtschaftsordnung derartig in Bewegung brächte,  dass wir gezwungen würden, nur mehr das herzustellen, was wir wirklich brauchen; was wiederum ein viel niedrigeres Grundeinkommen ermöglichte*. Doch wird dabei übersehen, dass unser aus sich selbst motivierter Konsum nicht bloß unsere Produktwelt, sondern auch unseren Planeten umkrempelt, sprich: für die Innovation des ganzen Globus sorgt. Insbesondere ermöglicht Konsum eine Selektion von Tieren und Pflanzen gemäß unseren humanen Bedürfnissen, wie sie die Natur niemals von selbst hinbekäme.
So wenig, wie man eine Felsspalte schrittweise überqueren kann, so wenig kann man das Grundeinkommen peu à peu einführen (z.B. indem man im ersten Schritt alle Sozialleistungen zusammengefasste, den Spitzensteuersatz erhöhte, eine Reichensteuer und eine Vermögensabgabe einführte). Würde nämlich anfangs bloß z.B. ein halbes Grundeinkommen gezahlt, wäre dies kein ganzes Grundeinkommen und somit keine Grundlage für das komplette Leben mehr.

Wir stellen fest, liebe Leser, Bedingung für ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre die Selbstaufgabe unserer menschlichen Mündigkeit, welche im täglichen Drehen von Rädern besteht, seien sie individuell groß oder klein. Jeder hat seinen Platz, an dem er sein Bestes geben muss, um die Fortentwicklung des riesigen globalen Räderwerks zu sichern, welches uns in Bewegung hält. Wir Menschen haben keine Ahnung, warum wir als Kinder des Weltalls entstanden sind. Und so verhält es sich mit dem leistungsgetriebenen Räderwerk Gesellschaft, in der wir leben: Es muss einfach so sein, es geht nicht anders. Streichen wir das Wort „Alternative“ also ganz aus unserem Wortschatz. Wer seinen Job ordentlich macht, vorbildlich hyperkonsumiert und dennoch Zeit und Lust findet, mag zusätzlich einen Sinn aus seinem Schaffen machen, zum Beispiel andere ausstechen. Notwendig ist der Sinn nicht.

 

Medienkritik-Kritik

Medienschelte ist allzu billig an Tagen, wo der Nachrichtenkonsument sich trotz allem weiterhin noch schneller eine Meinung baut als der eilfertig für seine eilfertigen Beiträge kritisierte Journalist (welcher den Nachteil hat, dass er die Meinung in ganzen Sätzen und, wenn’s ganz zeitraubend läuft, sogar unter Verwendung eines Rechtschreibprogramms niederschreiben muss).
Diese steile Behauptung illustriere ich anhand von vier Meldungen vom 16. Mai. Die jeweils oberflächliche Lesart richtet sich an den gemeinen Besserwisser, die tiefgründige Lesart an den Qualitätsleser.

  1. „Welt.de“

Der traditionelle deutsche Keramik-Gartenzwerg könnte bald verschwunden sein. «Die Qualität hat in den vergangenen Jahren stark abgenommen, es gibt kaum noch Hersteller. Und ich denke, da wird auch nichts mehr nachkommen«, sagte Experte Frank Ullrich vom Zwergenpark Trusetal. Dabei verzeichnen Händler eine immer stärkere Nachfrage nach den kleinen Männern, die gleichermaßen als Kult- und Hassobjekt gesehen werden.

Oberflächlich: Wo die Wirtschaft sonst mühelos mit Angebot Nachfrage schafft, wo keine besteht (siehe etwa die zur EM hergestellte Produktpalette in Schwarzrotgold), bringt sie hier trotz Nachfrage kein Angebot zustande.

Für Qualitätsleser: Das unentbehrliche Qualitätsprodukt des deutschen Gartenzwergs ist in der gewünschten Premiumqualität aus Porzellan nicht so niedrigpreisig produzierbar, wie es der Zwergenpreise gewohnte deutsche Kleingeist wünscht. Folge: Der deutsche Gnomfreund muss ausländische Gartenzwerge aus Polen importieren und sogar mit dem unerfreulichen Umstand leben, dass diese ihrer hohen handwerklichen Qualität wegen keinen Anlass zur Beschwerde geben.

2. Heilpraxisnet.de

Schmerzmedikament Paracetamol senkt unser Mitgefühl

Oberflächlich: Paracetamol nimmt uns die Schmerzen. Und, Überraschung!, es führt auch dazu, dass es uns nicht schmerzt, wenn jemand anderem etwas wehtut.

Für Qualitätsleser: Aufgrund der „Multikrise“ (Harald Welzer) stehen bald größere Umstrukturierungen in der menschlichen Zivilisation an. Da brauchen wir anständige Medikamente, um mit dem kollateralen Leid zurecht zu kommen und uns nicht durch Sentimentalität von den Aufräumarbeiten ablenken zu lassen.

3. Focus.de

Irrtümlicher 4-Millionen-Kredit: Die irre Shopping-Liste der 17-jährigen Christine. Eine Bank hat einer Studentin in Australien aus Versehen einen Überziehungskredit in Millionenhöhe gewährt. Die damals 17-Jährige bediente sich kräftig: Sie soll Handtaschen, Schuhe und Luxusgüter gekauft und sündhaft teure Wohnungen angemietet haben.

Oberflächlich: Was heißt hier „irre shopping-Liste“? Die Studentin hat nach bestem Wissen und Gewissen die (von den industrieabhängigen Medien propagierte) Doktrin des kreditfinanzierten Hyperkonsum befolgt und 2,15 Millionen australische Dollar (immerhin 1,4 Millionen Euro) ausgegeben. Vermessen, wer mehr erwartet. Ohne Konsum auf Pump hätte man z.B. die amerikanische Wirtschaft längst schließen können.

Für Qualitätsleser: Die junge Lady hätte ihren Konsumbedarf aus anständig erschwindeltem Geld bestreiten und sich entsprechende Eltern suchen müssen.

4. MMO – Das Magazin für Online Spiele
Schalke kauft LoL-Team

Oberflächlich: LOL!

Für Qualitätsleser: Mehr als dieser billige Witz lohnt hier ein Blick auf die Fakten: „LoL“ steht für „League of Legends“ und bezeichnet nicht etwa eine namentlich suggerierte Spielklasse fußlahm gewordener Ex-Profis, sondern (man beachte den Namen des Mediums) „e-Sport“. Schalke 04 möchte künftig wenigstens virtuelle Erfolge feiern zwecks Seriositätsgewinns von der Massenunterhaltung weg, vom U ins E-Fach wechseln.

Auftragsschreiber mit intrinsischer Begeisterung

Mit diesem Text über eine Lesung im Rahmen der Leipziger Buchmesse preise* ich meine Schreiberdienste für Veranstaltungen jeder Art an. Intrinsische Begeisterung, sinnfrei überzogenes Vokabular und aus jeder Panne ein Fest machen inklusive.

Sachdienlicher Hinweis: Die Lesung fand am Freitag, 18. März, mit 15 Zuhörern statt. Am Samstag, 19. März, wurde die Lesung groß in der Leipziger Volkszeitung für den Samstagabend angekündigt.

 

* billig

Alleinschuld an der Multikrise: Rhabarber

Ökokatastrophen, Kriege, Terror, Vertreibung, Verblödung …Desasterexperten wie der Sozialpsychologe Harald Welzer sprechen längst von der Multikrise. Die Bezeichnung drückt aus, wie schwierig es ist, die multiple Bedrohungslage zu lösen. Wir leben viel zu kurz, um auch nur die Spitze des Problembergs abzutragen; und es ist noch gar nicht klar, wie hoch und wohin er noch wachsen wird. Folgerichtet lautet das Ziel nicht,  die Probleme anzugehen, sondern einen Schuldigen zu finden, auf dem wir die Last der Verantwortung abladen können.

Längst gibt es viele kreative Vorschläge zur Identifizierung des Sündenbocks. Um nicht falsch verstanden zu werden, die folgenden Schuldzuweisungen sind alle richtig und wichtig:

  • Veganer verbringen ihre Zeit mit der Nahrungsfindung, statt Sand zum Schutz der Küsten von den Villen zurück ans Meer zu tragen. Mithin sind sie an Ökokatastrophen schuld.
  • Chemtrails verhindern keine Kriege und verursachen sie folglich.
  • Glyphosat ist im Bier enthalten, Bier beruhigt, aber der Grund hierfür ist der Hopfen, nicht das Glyphosat. Folglich verursacht Glyphosat Terror.
  • Bezahlte Gegendemonstranten stehen sich die Beine in den Bauch anstatt Fluchtursachen abzustellen. Deshalb verschulden sie die Vertreibung.
  • Weizen befällt das Hirn dummer Autoren –  Ursache der Verblödung.

Doch diese Schuldaspiranten versagen kläglich darin, die Ursache allen Übels zu sein: Veganer können keinen (nonverbalen) Terror; die Produkte von Chemtrails kommen nicht durch die Blut-Hirn-Schranke und daher nicht als Verblödungs-Causa in Betracht; Glyphosat hat noch keinen einzigen Krieg verursacht; bezahlte Gegendemonstranten können gar nichts, nicht mal Umweltverschmutzung; und Weizenhalme taugen nicht als Waffe der Vertreibung.

Eine auf den ersten Blick nicht naheliegende, aber umso überzeugendere Universalursache ist dagegen Rhabarber:

  • Ökokatastrophen: Rhabarber verdrängt als Unkraut echte Pflanzen, hilft  seiner Ungenießbarkeit wegen nicht gegen Dürre und scheitert als Schutzschirm gegen Tsunamis, Erdbeben und Hangrutsche.
  • Kriege: Rhabarber enthält sehr viel giftige Oxalsäure. Oxalsäure entzieht dem Stoffwechsel Calciumionen. Ein Mangel an Calciumionen führt zur Dauererregung der menschlichen Nerven. Und dauererregte Menschen beginnen Kriege.
  • Terror: Wer mangels Macht keinen Krieg vom Zaun brechen kann, den lässt die rhabarberinduzierte Affekt-Erhöhung (in einer Affekthandlung) einen Zaun in die Luft sprengen.
  • Vertreibung:  Rhabarber ist kein Lebens-, sondern ein Abführmittel. Ergebnis: Scheiße, Gestank – und Vertreibung in Orient-Ländern mit leistungsschwachem Toilettenwesen.
  • Verblödung: Rhabarber ist ohne die Neutralisierung durch Riesenmengen Zucker völlig ungenießbar. Ein Lebensmittel, dessen Qualitätdarin darin besteht, dass man es mit eimerweise ungesundem Zucker (halbwegs) neutralisieren kann – blöder geht es nicht!

 

rhabarber

Merkregel: Wenn die Natur etwas neonfarben macht, dann nicht, damit der Mensch es essen soll.

 

Tillichs Dankessause für Flüchtlingshelfer

Die PR-Veranstaltung der sächsischen Staatsregierung war im vorhinein ein PR-Debakel: die hochnotpeinliche Einladung des Pegida-Vizes, Tillichs merkbefreites Interview und die empörten Absagen der relevanten Flüchtlingsinitiativen in Folge des jüngsten Schämereignisses.

Das „Dankes-Event“ (Moderator) selbst ist in zwei Sinnbildern vollständig zusammengefasst:
1. Veranstaltungsort im empathiefrei regierten Sachsen war die Eisarena Dresden.
2. Eine austauschbare Unterhaltungskapelle spielte den programmgebenden Titel „All Right Now“.

Überflüssige Details
Im Publikum sah dann, Überraschung!*, kaum jemand haltungsverdächtig aus. Anwesend waren institionalisierte Helfer u.a. von DRK und THW, hoffnungsvolle Büttel aus dem Machtapparat und die Pressevertreter, für die das Schauspiel gemacht war. Dazu Security, Security, Security in der landestypischen Überpräsenz, wann immer es in Sachsen nicht um den Schutz der Schwachen, sondern der Mächtigen geht.
Tillich, ohnehin rhetorisch ein Eistaucher, hielt eine Rede, die es nicht mal ins Kurzzeitgedächtnis schaffte. Dito sein Regierungsazubi von der SPD, Martin Dulig. Dessen Geburtstag lieferte einen launigen Satz, mit dem weiterer Restinhalt eingespart werden konnte.
Die tapferen Veit Kühne und Eric Hattke hatten im Namen von Dresden für alle  einen offenen Brief dabei. Ein „schmieriger Referent“ (Aktivist) diktierte die Bedingungen für den „offenen Dialog“ mit den Helfern: Interessierte durften sich neben dem Bandlärm um Tillich und dessen Gefolge drängeln.

Ich hatte meine Fotos, für die ich Schildchen gebastelt hatte, bereits im Kasten – dachte ich. So übersah ich törichterweise, dass das mit Tillich jenseits der Displaygröße meines Telefons viel zu unscharf für eine virale Wirkung war. Eine anständige Kamera hätte auch nicht geschadet. So oder so, in Sachsen kann freilich alles so bleiben, wie es ist.

* Dabei hätte man die Bühne bestens für Aktionen nutzen können.

 

Tillich

t2

tillich 2

t6

tillich2

t1

t3